Die markante Globus-Stele am Seehandelshafen an der Rechten Uferpromenade in Kaliningrad und das bekannte Fisch-Café auf der Kurischen Nehrung: Die Werke der Künstlerin Lilia Vollmer gelten längst als Visitenkarten der Bernsteinregion. In der Gemeinschaft der Russlanddeutschen kennt man sie als talentierte Meisterin. Sie unterstützt ethnokulturelle Initiativen mit großem Engagement, gestaltet Festtags-Postkarten, illustriert Audio-Märchen, malt Bilder für Bücher und gibt ihr Wissen als Referentin bei Projekten des Kultur- und Geschäftszentrums weiter. Vor Kurzem kam ein neues, monumentales Kapitel in der kreativen Biografie der Künstlerin hinzu – mitten im Herzen der regionalen Metropole. Wochenlang verbrachte Lilia auf Baugerüsten. Ihre Aufgabe: den grauen Beton der Sommeranlagen für Primaten in einen saftigen, lebendigen Dschungel zu verwandeln. Dieses Projekt wurde für sie zu einer ganz besonderen Herausforderung. Denn in sieben Metern Höhe musste ein echtes, eingespieltes Familienteam anpacken.
Der Kaliningrader Zoo wurde bereits 1896 als Königsberger Tiergarten gegründet. Heute modernisiert er die Gehege seiner Bewohner in großem Stil. Ein wichtiger Schritt dabei war die Neugestaltung der Sommerbauten für Lemuren und Mandrills. Um die passenden Partner zu finden, schrieb die Zooleitung einen strengen Wettbewerb für Entwürfe und Kostenkalkulationen aus. Die Dimensionen dieses Höhenmarathons schüchterten viele Meister ein. Lilia jedoch wagte den Schritt. Sie bot dem Zoo extrem sportliche Fristen an. Denn sie wusste genau, dass sie eine verlässliche und erprobte Rückendeckung hatte.
„Unsere Entwürfe haben der Zooleitung sofort gefallen. Zudem haben wir versprochen, die Arbeit in zwei Monaten durchzuziehen. Dabei war das Pensum gigantisch: zwei Gehege, sechs Wände mit einer Höhe von jeweils sieben Metern!“, erinnert sich Lilia. „Allein ist so etwas absolut utopisch. Deshalb haben wir zu zweit mit meiner Schwester Swetlana Rykowa gearbeitet, sie ist ebenfalls Künstlerin. Mein Mann half beim Auf- und Abbau sowie beim Umstellen der schweren Baugerüste. Und unsere Tochter ging uns zur Hand: Sie reichte uns die Farben und malte in manchen Momenten sogar selbst mit“.
Die Arbeit auf den waghalsigen Gerüsten unter freiem Himmel des baltischen Sommers ist an sich schon kein Zuckerschlecken. Doch die spezifischen Bedingungen im Zoo setzten noch einmal ganz andere technologische Grenzen. Die Gehege sind vom launischen Kaliningrader Wetter nur durch ein Gitter getrennt. Entsprechend streng waren die Vorgaben für die Materialien zum Schutz der künftigen Bewohner.
„Die Sicherheit steht hier an allererster Stelle. Schließlich ist das das Zuhause für Tiere, die ihre Umwelt haptisch erkunden, die Wände zerkratzen oder daran lecken können. Wir haben ausschließlich zertifizierte, umweltfreundliche Fassadenfarben verwendet. Denen können weder Regen noch die Zähne der Primaten etwas anhaben. Zudem standen wir vor einer komplexen künstlerischen Aufgabe: Wir wurden gebeten, den hinteren Bereich nicht zu stark abzudunkeln. Die Tiere sollten optisch nicht vor dem Dschungelhintergrund verschwinden. Außerdem galt es, die Ecken der langgestreckten Gehege maximal hell und sanft zu kaschieren.“
Das Wetter stellte die Schwestern immer wieder auf eine harte Probe. Um keine wertvolle Zeit zu verlieren, entwickelten die Künstlerinnen eine klare Strategie: An trockenen Tagen widmeten sie sich den offenen Außenwänden. Sobald es feucht wurde, wichen sie in die Tiefe der Gehege aus, die durch ein Teildach geschützt waren. Doch das baltische Wetter diktierte oft seine eigenen Regeln. Wenn die Wolkenbrüche das Gehege völlig überraschend trafen, rettete das Team nur die absolute Routine: Alle packten blitzschnell mit an, brachten Pinsel und Farben im Sprint vor dem Regen in Sicherheit und flüchteten in den Unterstand.
Neben den Launen der Natur fand der gesamte zweimonatige Marathon buchstäblich vor den Augen von hunderten Zoobesuchern statt. Doch das habe sie nicht gestört, betont Lilia. Im Gegenteil, es habe sie sogar angespornt:
„Die Passanten reagierten unglaublich herzlich: Sie lächelten, zeigten uns durch die Glasscheibe des Geheges den Daumen nach oben und formten mit den Händen Herzen.“
Eine besonders rührende Überraschung war das Treffen mit ihrer ehemaligen Lehrerin aus der Kunstschule. Diese gestand den Schwestern, wie stolz sie auf ihre talentierten Absolventinnen sei. Die treuesten und neugierigsten Zuschauer waren jedoch die Tiere selbst. „Als wir das erste Gehege strichen, saßen nebenan die Mantelaffen“, lacht Lilia. „Sie versammelten sich in Scharen am Gitter, um uns zuzuschauen! Sie hingen über unseren Köpfen, beobachteten uns mit riesiger Neugier, und wir winkten ihnen zu. Sie haben uns wirklich blendend unterhalten.“
Doch weder die baltische Nässe noch die Arbeit in der Öffentlichkeit oder die enorme körperliche Belastung ohne freie Tage konnten das Team unterkriegen. Die gemeinsame kreative Idee und der tägliche familiäre Zusammenhalt gaben ihnen die Kraft, jeden Morgen aufs Neue das Gerüst zu besteigen.
Genau diese tägliche, unmittelbare Nähe zu den Bewohnern der Gehege eröffnete der Künstlerin einen völlig neuen Blick hinter die Kulissen des Zoos. Dieser revidierte ihre Kindheitserinnerungen an Zuckerwatte und unbeschwerte Spaziergänge komplett. Während dieser intensiven Zeit im Inneren des Komplexes erlebte die Familie hautnah den harten, unermüdlichen Einsatz von hunderten Spezialisten.
„Ich hatte nicht den leisesten Schimmer, wie viel unsichtbare Arbeit hier geleistet wird und wie viel alltägliches Herzblut darin steckt“, gesteht Lilia. „Ich war ehrlich verblüfft darüber, wie hochwertig, individuell und liebevoll sich die Mitarbeiter um all ihre Schützlinge kümmern.“
Inzwischen liegt der fast zweieinhalbmonatige Höhenmarathon hinter ihnen. Die Farben sind verstaut, die Gerüste abgebaut, und die grauen Betonwände haben sich in eine immergrüne, naturnahe Oase voller Frische verwandelt. Schon bald will Lilia als ganz normale Besucherin gemeinsam mit ihrer Tochter in den Zoo zurückkehren – um zu beobachten, wie die eigentlichen, vierbeinigen Hausherren ihre neuen, malerischen Kulissen erobern. Die modernisierten Wände des Zoos bewahren nun nicht mehr nur ein farbenfrohes Gemälde, sondern die echte Seele, den Geist der Generationen und die Wärme der Hände einer ganzen Familie.
Welche neue, monumentale Herausforderung sich die Künstlerin als Nächstes sucht und welche prägenden Objekte im Kaliningrader Gebiet ihre unverkennbare Handschrift tragen werden, wird die Zeit zeigen. Eines steht jedoch fest: Die modernisierten Wände des Zoos bewahren nun nicht mehr nur ein farbenfrohes Gemälde, sondern die echte Seele, den Geist der Generationen und die Wärme der Hände einer ganzen Familie.
Möchten Sie mehr über die Inspiration der Künstlerin erfahren? Klicken Sie auf den Link: Lilia Vollmer: „Malen ist meine große Liebe seit meiner Kindheit“.



