In der Werkstatt von Alexander Popp – einem russischen Künstler deutscher Herkunft – erwachen nicht nur die Bilder zum Leben, die sich in Farbe, Licht und Form auf den Leinwänden spiegeln, sondern auch das Leben selbst. „Wenn ich die Schwelle der Werkstatt überschreite, habe ich das Gefühl, erst in diesem Moment wirklich zu leben“, sagt der Künstler. Und obwohl Alexander Popp offiziell schon lange im Ruhestand ist, ist für ihn ein Tag ohne Werkstatt unmöglich.
Schon seit seiner Kindheit war das Zeichnen für Alexander „eine natürliche Lebensform“, er hat immer geschaffen, weshalb die Wahl des Berufes Künstler konsequent und ehrlich war. Nach dem Abschluss der W.-I.-Surikow-Kunstschule in Krasnojarsk entwickelte sich Alexander Popp mit der Zeit zu einem eigenständigen, unverwechselbaren Künstler. Nach zwei großen Ausstellungen – einer Gruppenausstellung und einer Einzelausstellung in den Sälen des Künstlerverbands von Krasnojarsk (1987 und 1988), bei denen er sich bekannt machte, wurde er 1989 in den Künstlerverband Russlands aufgenommen.
Über Techniken und den kreativen Prozess
Bei meinem Anruf erwischte ich den 78-jährigen Künstler in seiner Werkstatt. Er erklärte sich gern bereit, über sich und seine Kunst zu sprechen, obwohl er gerade beschäftigt war. „Das Wesentliche habe ich heute schon geschafft“, sagt der Künstler. „Und ich bin fast jeden Tag hier. Für mich ist das keine Arbeit, sondern mein ganzes Leben.“
Heute malt Alexander Popp vorwiegend mit Ölfarben, doch sein Werk umfasst auch zahlreiche Arbeiten in anderen Techniken, darunter Aquarell, Grafik und Radierung. Letztere widmete er sich viele Jahre lang. Ein Großteil seiner frühen Naturdarstellungen besteht aus Radierungen. Einen gewissen Einfluss hatte auf ihn die Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem bekannten Radierer Jewgeni Schepelewitsch.
„Von der Grafik bin ich mit der Zeit wegen einer Allergie weggekommen. Manchmal kehre ich zurück, mache aber lange Pausen mit Pastell. Die Radierung habe ich ganz eingestellt, weil man mit Säuren arbeitet, was sehr gesundheitsschädlich ist.“
„Manche Werke entstehen schnell, bei anderen braucht man mehr Zeit. Alles hängt vom inneren Zustand ab“, gesteht der Künstler. Er betrachtet seine Werke wie Kinder und trennt sich nicht immer leicht von ihnen.
„Man bringt jedes Bild zur Welt, und jedes ist einem wie ein Kind nah.
Aber jeder Künstler arbeitet nicht für sich, sondern für die Menschen. Und in der Werkstatt sind schon so viele Bilder, dass kein Platz mehr da ist.“ Einige Gemälde wurden verschenkt, andere verkauft – sie befinden sich in Museen und privaten Sammlungen in Russland und im Ausland.
Inspiration durch die Natur und Sinnsuche
Im Laufe seines Lebens hat der Künstler zahlreiche Reisen unternommen. Alexanders Biografie ist geprägt von Reisen durch das Gebiet Krasnojarsk, entlang des Jenissei bis in die Taimyr-Siedlung Dikson, am Fluss Chatanga bis zum Laptewsee, nach Chakassien, zum Baikalsee, mit dem Boot auf der Angara sowie zu dem berühmten Nationalpark „Krasnojarsker Säulen“ (russ. „Krasnojarsker Stolby“, Anm. d. Über.). Diese Reisen an wunderbare Orte und die Begegnungen mit interessanten Menschen prägten seine Weltanschauung.
„Meine Werke sind eine Art Zusammenfassung dessen, was mich umgibt. Sie spiegeln meine Gefühle, meinen inneren Zustand wider, was ich höre und sehe.
Es ist nicht nur die Natur und der persönliche Umgang mit Menschen, sondern auch Fernsehen, Radio, Zeitungen. Irgendwann entsteht im Bewusstsein ein Bild, und ich übertrage es auf Papier.“
Seine Bilder sind erfüllt von philosophischen Überlegungen zur Harmonie und Zerbrechlichkeit der Natur, Nachdenken über das ursprüngliche Erscheinungsbild der Erde, eine majestätische und geheimnisvolle Welt, vom Atem der Ewigkeit umweht, aber schutzlos gegenüber gedankenlosem menschlichem Handeln.
Arbeit nach der Natur und kreative Einsamkeit
Obwohl Alexander Popp heute zunehmend Zeit in der Werkstatt verbringt, erinnert er sich mit Bewunderung und Wärme an die Jahre aktiver Reisen, Freilichtmalerei und die Menschen, die er auf seinem Lebensweg traf.
„Viele Jahre bin ich mit einem Skizzenbuch gereist. Einmal machte ich eine Bergtour mit Alpinisten und blieb drei Jahre dort leben. Ich selbst hatte nie Bergsteigen betrieben, aber nachdem ich diese Leute kennenlernte, entdeckte ich eine riesige neue Welt. Ich malte Porträts, Landschaften. Vieles verschenkte ich, einiges liegt noch in einem Ordner.“
Der Künstler erinnert sich oft an seine Schiffsreisen, an jene Zeiten, in denen ihn das Bedürfnis nach Kreativität und Einsamkeit antrieb und ihn zwang, seine Komfortzone zu verlassen. Häufig ging er an abgelegenen Orten fernab großer Städte von Bord, wohnte in kleinen Siedlungen und lernte die Kultur der Einheimischen, ihre Lebensweise und ihren Lebensunterhalt – Fischfang und Jagd – kennen.
„Ich mag keine Gruppenreisen, ich bin ein bisschen Individualist. Ich bleibe gern allein mit der Natur, fernab vom Stadtlärm, damit mich niemand stört.
Und wissen Sie, die Menschen waren überall sehr freundlich und gastfreundlich, manchmal wohnte ich wochenlang bei jemandem, manchmal sogar einen Monat“, erzählt er.
Leben und Schaffen in China
Einen großen Platz im Schaffen von Alexander Popp nehmen Werke ein, die China gewidmet sind. Eindrücke, die er während seines Lebens und Arbeitens im Ausland sammelte, spiegeln sich in Bildern wie „Blumen des buddhistischen Klosters“, „Pagode. China“, „Chinesisches Syndrom“, „Pyramide Chinas“ und vielen anderen wider.
„In China sind viele meiner Arbeiten geblieben. Darunter auch ein speziell für dieses Land gemaltes Bild über den Weltraum in der Größe von 3 x 5 Metern. Einige sind in Museen, andere in Privatsammlungen.“
Alexanders Werke wurden mehrfach in Gruppenausstellungen in China gezeigt, in örtlichen Magazinen veröffentlicht und fanden Eingang in die Publikation „Künstler Russlands“ (China).
„Die chinesische Kunst ist großartig. Aber China und unser Land zu vergleichen, ist unmöglich. Es sind völlig verschiedene Zivilisationen, eine andere Kultur. Ja, ich habe dort gelebt und gearbeitet, aber wissen Sie, das ist nicht mein Zuhause.“
Seine wahre Heimat bleibt Krasnojarsk mit seinen Landschaften, der russischen Sprache, vertrauten Menschen und seiner Werkstatt: „Hier bin ich zu Hause“, gesteht Alexander Popp.
Öffentliches Engagement und Künstlervereinigung
Seit den frühen 1990er Jahren ist Alexander Popp aktiv in der gesellschaftlichen Bewegung der Russlanddeutschen. Auf dem ersten Allunionskongress der Sowjetdeutschen in Moskau lernte er Heinrich Martens kennen (von 1991 bis 2022 Vorsitzender des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur) und wurde einer der Initiatoren der Wiederbelebung aktiver künstlerischer und ausstellungsbezogener Tätigkeit der Deutschen in Russland.
„1991 gelang es uns durch gemeinsame Anstrengungen, nach einer 54-jährigen Pause (seit 1937) die erste Ausstellung von Werken deutscher Künstler in Moskau zu veranstalten“, erinnert er sich.
Die Ausstellung „Kunst der Russlanddeutschen“, welche 26 Künstler vereinte, fand im renommierten Zentralen Künstlerhaus in der Hauptstadt statt. Dieses Ereignis markierte einen bedeutenden Meilenstein in der Geschichte der Russlanddeutschen und öffnete eine neue Seite für Wiederbelebung und Erhalt ihres kulturellen Erbes. Es folgten weitere Ausstellungen nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland. Von 1992 bis 1993 wurden Alexanders Werke in der Gruppenausstellung „Deutsche Künstler aus Russland“ in Düsseldorf, München, Berlin und Bonn gezeigt.
Er spielte auch eine bedeutende Rolle in der Vereinigung der Künstler Sibiriens. „Nach der Ausstellung in Moskau fuhr ich mit dem Zug nach Krasnojarsk, stieg jedoch in Nowosibirsk aus, um das dortige Deutsch-Russische Haus zu besuchen. Ich lernte Leute kennen, schlug eine Ausstellung vor – sie stimmten zu. So stellten wir an verschiedenen Orten der Stadt aus – in Museen, Galerien, dem Deutsch-Russischen Haus.“ Die Gleichgesinnten wurden über Zentren der deutschen Kultur gesucht, aber manchmal auch in Massenmedien entdeckt. „Einmal hörte ich im Fernsehen von einer Ausstellung des Künstlers aus Kansk Bruno Dill, ich fand den Kontakt, rief ihn an und schlug eine Zusammenarbeit vor. Ich erinnerte mich, dass Juri Gintner, ebenfalls Deutscher, im Parallelkurs meiner Kunstschule war, den holte ich mit dazu.“
So sammelte Alexander allmählich Gleichgesinnte um sich und wurde 1995 zum Leiter dem von ihm initiierten Verbandes der deutschen Künstler Sibiriens. Diese Organisation gehörte zu den ersten kreativen Vereinigungen russlanddeutscher Künstler (die Künstlervereinigung der Russlanddeutsche, die Künstler, Schriftsteller, Schauspieler und Vertreter anderer kreativer Berufe aus ganz Russland vereint, wurde viel später, erst im Jahr 2010, gegründet, Anm. d. Red.).
Auf die Frage, was die Mitglieder der Vereinigung über die Nationalität hinaus verbindet, antwortet Alexander Popp: „Das Leben selbst. Die deutsche Kultur. Die sibirischen Landschaften. Wissen Sie, ich glaube, wer unsere Ausstellungen besucht, sieht unseren deutschen Charakter. So wie man beispielsweise auch den burjatischen Charakter bei burjatischen Künstlern erkennen kann.“
Ausstellungen im In- und Ausland
Alexanders Werke wurden nicht nur in Russland, Deutschland und China gezeigt, sondern auch in Paris und der Slowakei.
„Ich habe oft an Gruppenausstellungen teilgenommen. Das ist eine großartige Gelegenheit, andere Künstler zu treffen, sich auszutauschen und zu sehen, wer was macht.“
Alexander Popp hebt die Unterschiede in der Ausstellungskultur verschiedener Länder hervor, zum Beispiel blieb ihm in Deutschland die Pünktlichkeit in Erinnerung, während in Russland „die Besucher noch eine Weile nach der Eröffnung kommen“ und in China „große Ausstellungshallen und die Herzlichkeit der Besucher“ auffallen.
„Viele Künstler arbeiten und stellen auch heute im Ausland aus, ich selbst fahre nicht mehr viel. In letzter Zeit bevorzuge ich eher Einzelausstellungen.“ So kann er, erklärt der Künstler, sein Werk – in verschiedenen Techniken, Genres und Entstehungsjahren – wirklich präsentieren und mit dem Betrachter in Kontakt treten, Feedback erhalten und unvergleichliche Emotionen erleben.
„Ich dränge dem Betrachter nie meine Meinung auf. Ich gebe jedem die Möglichkeit, das Bild so zu sehen, wie er möchte.
Ich habe es aus meinen Gefühlen und meiner Lebenseinstellung geschaffen, und dann liegt es an jedem Einzelnen – manche können sich mit meinem Werk identifizieren, andere kritisieren es. Aber diese Interaktion mit dem Betrachter ist immer sehr wichtig; manchmal hilft sie mir, Fehler zu entdecken und zu korrigieren.“ Der Künstler gibt zu, dass er Fälle gab, dass er ein Bild nach der Ausstellung verbessert hat. „Wenn man arbeitet, zieht man sich zurück und übersieht vielleicht Fehler. Im Ausstellungsraum betrachtet man das Bild aus der Distanz, als Betrachter, und sieht es anders.“
In Erwartung einer neuen Ausstellung in Moskau

Hirsch und Sonne. Taimyrhalbinsel. 2005. Soße, Pastellkreide auf Karton, 100 x 70 cm / Erwartung. Taimyrhalbinsel. 2005. Soße, Pastellkreide auf Karton, 100 x 70 cm
In der neuen Ausstellung „Sibirien. Horizonte und Gesichter“, die am 25. Februar im Deutsch-Russischen Haus in Moskau eröffnet wird, präsentiert Alexander Popp Werke, die ein breites geografisches und genreübergreifendes Spektrum abdecken – vom Sajangebirge bis nach Taimyr. Die Gemälde umfassen Porträts von Bergsteigern, indigenen Völkern und ethnischen Gruppen, die an den Ufern des Jenisseis leben, sowie Genreszenen und Landschaften.
„Jedes Gemälde hat ein Thema; ich habe viele lustige und berührende Geschichten, die ich gerne im Dialog mit dem Betrachter erzähle“, lädt der Künstler ein.
Warum lohnt sich der Besuch?
Alexander Popp lädt Sie ein, in seine Welt einzutauchen – eine Welt voller Entdeckungen, Erinnerungen und einer tiefen, persönlichen Verbundenheit mit Natur und Mensch. Seine Werke hallen wider von den Weiten Sibiriens und seinen kulturellen Erfahrungen und schlagen Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Natur und Zivilisation.
„Meine Bilder sind nicht bloß Abbilder, sondern ein Spiegelbild meines Inneren, eine Reaktion auf meine Umgebung und die Zeit“, betont er.
Entdecken Sie verschiedene Ecken Sibiriens durch die Augen von Alexander Popp und tauchen Sie ein in die Atmosphäre seiner Werkstatt – dem Ort, an dem der Künstler wirklich lebt und wo Kunst entsteht.
Eine ausführlichere Biografie und Werke des Künstlers werden im Katalog „An den Himmel, Erinnerung an die Grafik. Alexander Popp. Grafik. Malerei“ präsentiert, der 2022 im Rahmen des gesamtrussischen Wettbewerbs „Russlanddeutsche in der Avantgarde der Zukunft“ veröffentlicht wurde.









