Wenn wir an die Kultur der Russlanddeutschen denken, kommen uns oft tragische Kapitel der Geschichte, ein strenger Alltag und deutsche Disziplin in den Sinn. Doch in dieser Kultur war schon immer eine erstaunliche Selbstironie lebendig, die sich im Genre des Schwanks widerspiegelt. Beim jüngsten Literatursalon im Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen in Kaliningrad veranstaltete Julia Sosljuk (Gross) – Forscherin, Dozentin am Lehrstuhl für Fremdsprachen der Baltischen Föderalen Immanuel-Kant-Universität und Leiterin des ethnokulturellen Sprachklubs im Kultur- und Geschäftszentrum – ein wahres interaktives Experiment für die Gäste. Sie zeigte auf, wie der Volkshumor direkt in der Morphologie von Dialektwörtern entsteht. Ob dieses Genre heute noch lebt, wie mühsam es ist, Erbstücke in den Archiven aufzuspüren, und wie die dialektale Wortbildung dabei hilft, die Barriere eines „fremden“ Textes zu durchbrechen – lesen Sie in unserem Interview.

Nachklang des Literatursalons

Der Literatursalon im Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen in Kaliningrad, Mai 2026

Der Literatursalon im Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen in Kaliningrad, Mai 2026

Julia, beim jüngsten literarischen Abend haben Sie den Gästen vorgeschlagen, die Schwänke nicht nur anzuhören, sondern sie selbst zu analysieren. Warum haben Sie für die Begegnung mit diesem Genre ausgerechnet einen so interaktiven Weg gewählt und keine klassische Vorlesung?

Ich wollte, dass die Zuhörer dieses Genre mit allen Sinnen begreifen. Über den Schwank als einzigartiges Phänomen könnte man endlos sprechen – man kann die Handlungen farbenfroh beschreiben, den Humor, die feine Tragik, den moralischen Lehrwert und die alltäglichen Situationen. Doch eine bloße Erzählung hätte nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Mein Wunsch war es, die Gäste direkt in das Werk hineinzuversetzen, damit sie zu echten Akteuren der Geschichte werden.

Seien wir ehrlich: Für unser Publikum sind die Schwänke eine völlig neue, unentdeckte Welt. Vor diesem Treffen sagte das Wort „Schwank“ den Gästen überhaupt nichts, da wir uns im Literaturclub vorher einfach noch nie damit befasst hatten.

Meine Hauptaufgabe bestand darin, die Gäste durch das gemeinsame Erleben einer einzigen kurzen Geschichte für diesen Schatz des Volkshumors zu begeistern. Ich wollte einen Funken in ihren Augen entfachen, damit nach dem Literatursalon der aufrichtige Wunsch entsteht, Schwänke auch auf eigene Faust zu lesen. Denn die wahre Magie dieses Genres entfaltet sich erst dann, wenn wir den Text gemeinsam zum Leben erwecken.

Wie lief diese erste Begegnung mit dem Dialekt ab? Was hat bei den Gästen die größte Begeisterung ausgelöst, und was hat sie vielleicht anfangs abgeschreckt?

Als Forscherin war mir klar: Ich muss die Gäste ganz behutsam an diesen Kontext heranführen. Es war wichtig, von vornherein zu erklären, dass sie es hier nicht mit einem klassischen hochdeutschen Text zu tun haben, sondern mit einem lebendigen Werk in einem der russlanddeutschen Dialekte.

Für den Literatursalon habe ich den Schwank „Frog mich, David“ von Alexander Galinger ausgewählt. Diese Wahl war kein Zufall. Der Text ist in einer der wolgadeutschen Mundarten verfasst – dem Hessischen. Zusammen mit dem Pfälzischen bildete das Hessische das Fundament für die Sprache der deutschen Siedler an der Wolga. Selbst ohne tief in die Linguistik einzusteigen, lässt sich in der Struktur der hessischen Mundart eine faszinierende Systematik erkennen. Wir haben uns einen kurzen Überblick über die Regeln verschafft, und genau das hat den Gästen geholfen, sich auf das Lesen einzustimmen.

Und dennoch: Wenn man einen echten, „lebendigen“ Dialekttext in die Hand nimmt, überkommt einen immer eine gewisse Ehrfurcht. Wenn die Augen über die Zeilen gleiten und auf seltsame, ungewohnte und manchmal amüsante Wörter stoßen, bekommt man unwillkürlich eine Gänsehaut. Ich denke, unsere Gäste bildeten da keine Ausnahme, und für den Bruchteil einer Sekunde packte auch sie eine leichte Panik. Doch wie sehr haben sie am Ende über sich selbst gestaunt, als sie nach dem Lesen mühelos die Handlung wiedergeben, die Charaktere beschreiben und den Kern des alltäglichen Konflikts verstehen konnten! Wie groß war die Freude, als sie einzelne Dialektwörter rein nach dem Gehör erkannten, sie ins Hochdeutsche übersetzten und die Passagen dann mit sichtlichem Vergnügen laut vorlasen.

Mit jedem entschlüsselten Wort wuchs das Selbstvertrauen der Gäste, und auf den Gesichtern machte sich ein Lächeln breit. Genau in diesen Minuten erwachte der Schwank zum Leben – und mit ihm der Dialekt. Die Magie des Volkshumors hat zu einhundert Prozent gezündet.

Der Schwank „Frog mich, David“, der beim Literatursalon besprochen wurde / Doppelseite aus dem Buch „Schwänke der Russlanddeutschen. Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?“

Der Schwank „Frog mich, David“, der beim Literatursalon besprochen wurde / Doppelseite aus dem Buch „Schwänke der Russlanddeutschen. Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?“

Sie haben gesagt, dass der Schwank in diesem Moment buchstäblich „zum Leben erwacht“ ist. Aber wie hilft eine trockene Grammatik dabei, diese Magie in Gang zu setzen? Kann das Verständnis der Sprachstruktur tatsächlich die Barriere eines „fremden“ Textes durchbrechen und einem unvorbereiteten Leser helfen, den hintergründigen Humor sofort zu erfassen?

Die Mehrheit unserer Gäste sind Russlanddeutsche. Aus unterschiedlichen Gründen ging in ihren Familien der Dialekt ihrer Vorfahren verloren, doch die Sehnsucht danach und der Wunsch, die eigenen Wurzeln zu ergründen, sind geblieben. Es scheint mir, als stünden wir an der Schwelle zu einer faszinierenden Ära: Es erwacht nicht nur das Interesse an dem verloren gegangenen Spracherbe, sondern die Zahl der Menschen, denen dies am Herzen liegt, wächst rasant.

Beim Literatursalon haben die Zuhörer die Informationen darüber, wie das System des wolgadeutschen Dialekts aufgebaut ist, regelrecht aufgesaugt. Sie haben die Bedeutung der Wörter selbst erraten und versucht, neue Formen nach den Regeln zu bilden. Diese linguistische Kreativität hat die Atmosphäre im Publikum unheimlich aufgelockert, noch bevor sie auf den echten, lebendigen Text trafen. Die Gäste fieberten dem Moment entgegen, in dem die trockene Theorie endlich in den Dialogen der Figuren zum Leben erwachen würde. Genau in dieser Sekunde findet die eigentliche Überwindung der Barriere eines „fremden“ Textes statt.

Dabei ist das Erfassen der hintergründigen Ironie und des Humors im Schwank wohl die größte Herausforderung. Vom Leser wird nicht nur verlangt, sich zu entspannen und den Dialekt frei auf sich wirken zu lassen, sondern er muss auch über ein gewisses Hintergrundwissen verfügen. Man muss die Atmosphäre der Zeit verstehen, in die uns der Autor versetzt. Es bedarf einer Art inneren kulturellen Neuausrichtung.

Und dennoch haben unsere Gäste das großartig gemacht! Sie haben sowohl den roten Faden als auch den feinen Humor erfolgreich erfasst. Wir haben sogar gemeinsam von ganzem Herzen über die tragikomische Situation gelacht, in der sich die Hauptfigur des Schwanks – Liesje – wiederfand.

Unser Treffen hat bewiesen: Ein solches interaktive Format ist nicht nur absolut lebensfähig, sondern ideal, um den Schwank kennenzulernen und dieses einzigartige Genre wiederzubeleben.

Der Sprachlabor

Die Dialekte der Russlanddeutschen setzten sich aus Dutzenden von Mundarten zusammen und wurden später stark von der russischen Sprache beeinflusst. Welche einzigartigen sprachlichen Hybride, Entlehnungen oder Konstruktionen tauchen in den Schwank-Texten am häufigsten auf? Gewähren Sie uns einen kleinen Einblick in diese linguistische Küche.

Da haben Sie vollkommen recht. Jeder Schwank ist ein einzigartiges, lebendiges Zeugnis dafür, welche historischen Meilensteine unser Volk durchlaufen hat.

Die Texte aus der Sowjetzeit zum Beispiel sind regelrecht durchtränkt von Elementen der russischen Umgangssprache. Darin finden sich oft unsere vertrauten Interjektionen wie „wot“ (nun), „tut“ (hier), ‚dawaj‘ (na los) oder das Adverb ‚ladno‘ (gut, einverstanden), die mitten in den deutschen Satz eingeflochten sind. Diese kleinen Wörter verleihen dem Bild des Russlanddeutschen sofort ein ganz besonderes Kolorit und machen es jedem Menschen in unserem Land vertraut und nah. Es wimmelt auch nur so von vollwertigen russischen Entlehnungen – von „Telewisor“ (Fernseher) und „Diwan“ (Sofa) bis hin zu „Smetana“ (Schmand) und „Kalitka“ (Pforte).

Das faszinierendste Phänomen ist jedoch die Entstehung echter Hybridwörter. Die Russlanddeutschen nahmen einen russischen Wortstamm und passten ihn virtuos an die Gesetze der deutschen Grammatik und Wortbildung an.

So entstand anstelle des hochdeutschen Wortes „Gusseisen“ das dialektale „Tschugunne“. Nach demselben Prinzip bildeten sich erstaunliche Wörter wie „Bolnize“ (Krankenhaus), „Kastrulle“ (Kochtopf), „Miliz“ (Milizmann) und sogar „Telewisorremonte“ (Fernseherreparatur).

Ein ebenso wichtiger Prozess ist die Vermischung der deutschen Dialekte untereinander. Jahrhundertelang interagierten sie in der neuen Heimat: von den ersten Kolonien bis hin zur tragischen Phase der Deportation, als in Sibirien und Zentralasien Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen aufeinandertrafen. Meine Forschungen zeigen, dass sich dies am deutlichsten in den Bezeichnungen für Alltag und Landwirtschaft widerspiegelt. In den Schwänken findet man zum Beispiel das Wort „Krumbeer“ (oder „Grumbeer“) in der Bedeutung „Kartoffel“ – dies ist ein waschechter Hybrid aus wolgadeutschen und altaischen Mundarten. Und für die Bezeichnung des Huhns setzte sich aus einer Vielzahl von Varianten das pfälzische Wort „Hinkel“ durch, das die schwäbischen Formen „Hre“ oder „Hendl“ komplett verdrängte.

Buchstäblich in jedem Schwank verbirgt sich ein einzigartiger sprachlicher Code, der nur den Russlanddeutschen eigen ist.

Ein Beispiel für einen Schwank mit dem pfälzischen Wort „Hinkel“ (dt. Huhn) / Doppelseite aus dem Buch „Schwänke der Russlanddeutschen. Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?“

Ein Beispiel für einen Schwank mit dem pfälzischen Wort „Hinkel“ (dt. Huhn) / Doppelseite aus dem Buch „Schwänke der Russlanddeutschen. Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?“

Hinter der trockenen Grammatik einen lebendigen menschlichen Charakter zu erkennen, ist ein wahres Wunder. Doch Linguisten gehen noch weiter: Sie behaupten, dass die wichtigsten humorvollen Nuancen eines Schwanks tief in der Morphologie selbst verwurzelt sind – zum Beispiel in spezifischen Diminutiv-Suffixen oder ungewöhnlichen Wortzusammensetzungen. Ist das so? Könnten Sie diesen Schleier ein wenig lüften und uns das Beispiel eines Dialektwortes nennen, das an sich schon ein Lächeln hervorruft?

Oh, das ist mein absolutes Lieblingsthema! Fangen wir mit einem Beispiel an, das perfekt illustriert, wie ein Dialektwort lebt. Wenn ich das hochdeutsche Wort „Müsli“ höre, muss ich sofort an ein amüsantes linguistisches Missverständnis denken. Die Sache ist nämlich die: In der schwäbischen Mundart der Russlanddeutschen bedeutet das Wort „Müsli“… „Mäuschen“! Und das alles dank des besonderen Diminutiv-Suffixes „-li“.

Während im klassischen Hochdeutsch die Suffixe „-chen“ und „-lein“ verwendet werden, um eine Diminutivform zu bilden, herrscht in den Dialekten der Russlanddeutschen eine faszinierende Vielfalt. Jede Mundart besitzt mindestens zwei ganz eigene, charakteristische Endungen: In den wolgadeutschen Dialekten sind es „-je“, „-ja“ oder „-tje“, im Schwäbischen „-li“, „-le“ oder einfach nur „-l“, und im Altai-Gebiet stößt man auf Mischformen wie „-che“ und „-cha“. Sie alle kommen in den Schwänken intensiv zum Einsatz. Durch diese winzigen Suffixe gelang es den Autoren virtuos, feinste Bedeutungsnuancen zu vermitteln, ihre Haltung gegenüber den Figuren auszudrücken, Ironie zum Ausdruck zu bringen und puren Humor zu kreieren.

Schauen wir uns den Schwank an, den wir beim Literatursalon analysiert haben. Der Name der Hauptfigur lautet Liesje. Der Autor nahm den Namen Liese, strich die Endung und fügte das Suffix „-je“ hinzu. Aber das tat er keineswegs aus Zärtlichkeit! In diesem Kontext vermittelt das Suffix eine feine Autorenironie. Schon ab den ersten Zeilen wird dem Leser klar: Vor ihm steht die Figur einer Frau mit sehr pragmatischen, bodenständigen Interessen. Und diese Haltung des Autors ist sofort spürbar – dank eines einzigen Suffixes. Genau darin liegt die wahre Magie der Morphologie!

Dieses Verfahren – bei dem der auslautende Vokal eines Namens abgeschnitten und ein Suffix angehängt wird – ist sehr typisch für die wolgadeutschen Mundarten. Es ist jedoch keine starre Regel. Manchmal führten solche Experimente zu einem verblüffenden komischen Effekt. Nehmen wir zum Beispiel den Namen Marieche. Ins Russische lässt er sich sowohl liebevoll als „Maschenka“ als auch abwertend als „Maschka“ übersetzen. Fakt ist nämlich, dass es in den ursprünglichen deutschen Dialekten schlicht kein eigenes Pejorativ-Suffix gibt – wie etwa das russische Suffix „-k-„. Doch in der Wolgaregion und besonders nach der Deportation änderte sich alles.

Die tragischen Ereignisse der Deportation haben das gesamte System der Wortbildung völlig auf den Kopf gestellt. Die deutschen Dialektsprecher trafen direkt auf die russische Sprache, und das russische Suffix „-k-“ drang regelrecht in die deutsche Rede ein. Eine Bekannte von mir, eine waschechte Dialektsprecherin, kennt den heimischen Nachttisch seit ihrer Kindheit ausschließlich als „SchubladKa“. Das Wort nahm russische Suffixe an, übernahm die russische Deklination und verankerte sich fest im familiären Alltag.

Was das ungewöhnliche Verschmelzen von Wortstämmen angeht, stehe ich noch ganz am Anfang einer großen Untersuchung, aber ein treffendes Beispiel kann ich bereits nennen. Es ist das Wort „Lufttschik“, was übersetzt… „Flugzeug“ bedeutet! Es zaubert mir immer wieder das herzlichste Lächeln ins Gesicht. Stellen Sie sich nur vor, wie kreativ und mit welchem Humor die Russlanddeutschen an diesen für sie neuen Begriff herangegangen sind: Sie nahmen das deutsche Wort „Luft“ und kreuzten es virtuos mit dem russischen Suffix „-tschik“. So entstand ein absolut einzigartiges Wort. Ist das nicht einfach wunderbar?

Ein persönlicher Einblick

Julia Sosljuk mit Teilnehmenden beim „Offenen Treffen“ zu den Dialekten der Russlanddeutschen im Kultur- und Geschäftszentrum in Kaliningrad, Februar 2026

Julia Sosljuk mit Teilnehmenden beim „Offenen Treffen“ zu den Dialekten der Russlanddeutschen im Kultur- und Geschäftszentrum in Kaliningrad, Februar 2026

Wer solche Begegnungen leitet, kann die Sprache nicht einfach nur aus der Distanz betrachten. Erzählen Sie uns von Ihrem persönlichen Weg zum Dialekt. Haben Sie ihn akademisch gelernt – anhand von Lehrbüchern und Dissertationen – oder ist es eine lebendige Sprache, die in Ihrer Familie von Generation zu Generation weitergegeben wurde?

Ich muss gestehen, dass zu meinem großen Bedauern die lebendige Weitergabe des Dialekts in unserer Familie mit der Generation meines Vaters abriss. Nach dem Krieg beschlossen seine Eltern, ihre Kinder vor der deutschen Sprache zu schützen – um ihrer eigenen Sicherheit willen. Großmutter und Großvater kommunizierten fast heimlich in einer der wolgadeutschen Mundarten miteinander, sodass sie die Sprache nicht an die Kinder weitergaben. Von meiner Großmutter hörte ich seit meiner Kindheit lediglich einzelne Wörter und diesen unvergesslichen wolgadeutschen Akzent.

Meine Großeltern – Erika Gross (geborene Gross), Jahrgang 1939, und Artur Gross – wurden die ersten Bilingualen in unserer Familie. Ihre Mütter hingegen, Amalia und Emilia, konnten sich nach der Deportation nie ganz an die russische Sprache anpassen und sprachen ihr Leben lang ausschließlich in ihrem wolgadeutschen Heimatdialekt.

Mein Vater erinnert sich an einen kuriosen Vorfall. Als sie in den 1990er-Jahren für kurze Zeit nach Deutschland kamen, wurden die Erwachsenen Sprachkursen für Aussiedler im Norden des Landes zugewiesen. Der Deutschlehrer korrigierte meine Großmutter unentwegt, wenn sie die Tür als „Tier“ bezeichnete, und versuchte ihr zu beweisen, dass es richtig „Tür“ heißen müsse. Doch meine Großmutter beharrte stur auf ihrem Recht! Die Verwandten dachten damals, sie spreche ein „falsches“ Deutsch, und schämten sich gewissermaßen sogar für ihre Ausdrucksweise. Erst jetzt, da ich mich professionell mit den Dialekten der Russlanddeutschen beschäftige, verstehe ich: Großmutter hatte absolut recht! Das Wort „Tier“ bedeutet in der hessischen Mundart tatsächlich „Tür“.

Es gab auch andere Marker. Mein Vater und seine Brüder haben ihre Großmütter zum Beispiel nie auf Russisch genannt. Für sie waren sie immer die „Moder“. Als ich später tiefer in die Wissenschaft eintauchte, stellte ich voller Begeisterung fest, dass dies ein klassisches Lexem der wolgadeutschen Dialekte ist. Die Wurzeln der Sprache sind also ungeachtet aller Widerstände durch die Generationen hindurchgewachsen.

Mein Vater lernte in der Schule die hochdeutsche Sprache und ich trat später in seine Fußstapfen. Wir lebten im Gebiet Karaganda, in der Siedlung Aktas. Vor der ersten Klasse absolvierte ich einen speziellen Einstufungstest und wurde in eine Klasse mit erweitertem Deutschunterricht aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt beherrschte ich dank meines Vaters bereits die Grundlagen: Höflichkeitsfloskeln, Begrüßungen, Farben und Tiernamen. Unsere Siedlung war multinational – dorthin wurden deportierte und repressierte Völker verbannt, aber die deutsche Bevölkerung überwog dennoch. Wahrscheinlich hatten wir deshalb in unserer Schule sechsmal pro Woche Deutschunterricht! Das hat mir ein starkes Fundament gegeben: Als ich nach Kaliningrad zog, gelang mir mühelos die Aufnahme an der Fakultät für Fremdsprachen, wo ich das Auswahlverfahren für den Studiengang Übersetzen erfolgreich bestand.

Mit der Erforschung der Dialekte habe ich dagegen erst vor Kurzem begonnen. Aber dieses Thema hat mich sofort komplett in seinen Bann gezogen! Ich habe mich buchstäblich darin verliebt und es zu meiner Lebensaufgabe gemacht, den wolgadeutschen Dialekt meiner Vorfahren um jeden Preis selbst sprechen zu lernen.

Lange Zeit war ich fest davon überzeugt, dass die lebendigen Dialekte der Russlanddeutschen längst ausgestorben seien, und kannte sie nur aus trockenen theoretischen Quellen. Doch eines Tages lernte ich bei einer Fortbildung Kollegen kennen – Russlanddeutsche aus den unterschiedlichsten Ecken des Landes. Und wie groß war meine Überraschung, als ich hörte, dass sie im Alltag völlig frei und ganz selbstverständlich Dialekt sprachen! Ich war unbeschreiblich begeistert, erzählte buchstäblich jedem davon, den ich traf, und sprudelte nur so über vor Freude. Diese Begegnung gab mir einen mächtigen Impuls, das Thema weiter voranzutreiben.

Meine Workshops und offenen Treffen im Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen in Kaliningrad waren da nur der erste Anstoß. Nach diesen Vorträgen kamen die Zuhörer zu den Treffen unseres ethnokulturellen Klubs „Kulturcode der Russlanddeutschen“ und baten mich: „Julia, wir wollen tiefer in die Dialekte einsteigen!“.

Es entstand eine echte, lebendige Nachfrage. Wissen Sie, in solchen Momenten spürt man ganz deutlich, wie intensiv die Menschen das Bedürfnis haben, das Verlorene zurückzuholen.

Und wir haben keine Zeit verloren: Mittlerweile büffeln wir die Regeln, versuchen unsere ersten eigenen Dialekttexte zu verfassen und lernen, uns vorzustellen sowie über uns selbst zu berichten. Momentan konzentrieren wir uns auf die wolgadeutschen Mundarten, da wir im Klub gerade ein großes geschichtliches Kapitel intensiv beleuchten – die Ansiedlung der Deutschen an der Wolga. Doch Schritt für Schritt werden wir – soweit es meine Forschungskapazitäten zulassen – ganz bestimmt auch andere Dialektgruppen abdecken.

Doppelseite aus dem Buch „Schwänke der Russlanddeutschen. Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?“

Doppelseite aus dem Buch „Schwänke der Russlanddeutschen. Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?“

Diese lebendige Nachfrage der Menschen ist der beste Beweis dafür, dass ihnen die Sprache ihrer Vorfahren nach wie vor teuer ist. Doch um dieses verloren gegangene Erbe zurückzuholen, muss es erst mühsam Stück für Stück zusammengetragen werden. Erzählen Sie uns, auf welche Hauptschwierigkeiten Sie als Forscherin bei der Suche, Entschlüsselung oder Systematisierung von Schwänken stoßen? Gibt es heute einen Mangel an solchen Texten, oder bergen die Archive noch ungehobene Schätze?

Ich will ganz ehrlich sein: Die Erforschung der Schwänke ist für mich noch ein neues, aber unheimlich faszinierendes Forschungsgebiet. Ich stehe erst am ganz Anfang meines Weges. Eine riesige Unterstützung war für mich der Lesesaal des Deutsch-Russischen Hauses in Moskau, wo die wichtigsten Quellen aufbewahrt werden. Und hier möchte ich ein persönliches Geständnis machen: Ein wahrer Schatz ist für mich das vom Internationalen Verband der deutschen Kultur herausgegebene Buch ‚Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?‘, dessen Redakteurin Sie sind, Nadja. Ich freue mich von ganzem Herzen über unser Kennenlernen! Genau diesen Sammelband habe ich beim Literatursalon vorgestellt, denn er transportiert perfekt nicht nur die lebendige Sprache der Russlanddeutschen, sondern auch die Lebensweise, die spirituellen Werte, den Nationalcharakter und die alltäglichen Schicksalsschläge unseres Volkes – mal humorvoll, mal tief traurig.

Das von Ihnen lektorierte Buch wurde für die Teilnehmer unseres Literatur- und Geschichtsklubs zu einem Wegweiser in die Welt der Dialekte. Durch dieses Werk haben wir begonnen, diese Sprache erstmals wirklich zu hören und selbst zu sprechen. Aber ohne das Verständnis dafür, wie das Sprachsystem aufgebaut ist, wäre ein Weiterkommen unmöglich gewesen. Die größte Schwierigkeit für mich als Forscherin liegt hierbei im akuten Mangel an Informationen über die Bedeutung einzelner Dialektwörter oder ganzer Redewendungen.

Momentan sind die Schwänke für mich noch eine „harte Nuss“, die ich jedoch beharrlich zu knacken versuche. Und dass das Schicksal mir die Begegnung mit Ihnen geschenkt hat – einer weiteren Trägerin der russlanddeutschen Dialekte –, betrachte ich als ein wichtiges Zeichen. Es beweist das Wesentliche: Wir sprechen und lesen nach wie vor lebendige Sprachen. Im globalen Sinne haben wir das Erbe unserer Vorfahren nicht verloren – es lebt weiter.

Julia, ich bin unheimlich berührt von Ihren Worten, vielen Dank! Als wir an diesem Sammelband gearbeitet haben, war es genau unser Traum, dass die Dialekte wieder hörbar werden. Von Ihnen zu hören, dass das Buch zu einem lebendigen Arbeitsinstrument für den ethnokulturellen Klub geworden ist, ist die höchste Anerkennung für unser gesamtes Team. Wir sind glücklich, dass diese Arbeit in den Händen einer so aufrichtigen und tiefgründigen Forscherin gelandet ist.

Das Buchcover des Schwank-Sammelbands, herausgegeben vom Internationalen Verband der deutschen Kultur im Jahr 2017

Das Buchcover des Schwank-Sammelbands, herausgegeben vom Internationalen Verband der deutschen Kultur im Jahr 2017

Die Philosophie des Genres

Wenn man sieht, mit welchem Interesse sich die Mitglieder Ihres Klubs in die Arbeit einbringen, wird einem klar: Dieses literarische Genre besitzt nach wie vor einen starken Magnetismus. Doch wie lässt sich sicherstellen, dass dieser Aufschwung des Interesses nicht nur eine einmalige Aktion im Rahmen eines einzelnen Projekts bleibt? Wie schätzen Sie die Lebensfähigkeit des Schwanks heute ein – ist er wirklich bereit, den Rahmen eines „Museumsexponats“ zu sprengen und wieder frei zu atmen?

Ich leiste ihm jedenfalls genau in diesem Moment Mund-zu-Mund-Beatmung, um ihn zu einem aktiven und gesunden Leben zurückzuführen! Und damit das Genre wieder vollkommen frei atmen kann, muss es für den modernen Menschen lesbar, verständlich und aktuell sein.

Ich blicke mit Optimismus in die Zukunft. Nachdem ich diese einzigartige künstlerische Welt zuerst für mich selbst und nun für andere entdeckt habe, denke ich gar nicht daran, sie wieder in der Vergangenheit verschwinden zu lassen. Natürlich wäre es für mich als Forscherin und Vermittlerin viel einfacher, in den kompakten Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen zu arbeiten. Aber ich lebe in Kaliningrad – einer Region, in der aktive Dialektsprecher heute eine Seltenheit sind. Gerade deshalb wird meine Mission umso bedeutsamer: den Menschen die Mundarten näherzubringen – auf dieser Etappe vor allem die wolgadeutschen – und die Schwänke als ihren untrennbaren, lebendigen Teil zu präsentieren.

Ich würde mir von ganzem Herzen wünschen, dass unter den Russlanddeutschen neue, junge Autoren heranwachsen. So wie Sie zum Beispiel, Nadja! Sie beherrschen das Plattdeutsche ja auf eine ganz wunderbare Weise. Ich glaube fest daran, dass der aufrichtige Wunsch zu schreiben genau aus diesem tiefen Eintauchen in die Tradition geboren werden kann. Aber neue Autoren wird es erst dann geben, wenn sie dieses ironische Volksgenre im Detail studieren, das im 13. Jahrhundert auf deutschem Boden seinen Anfang nahm, unter Katharina der Großen nach Russland auswanderte und wie durch ein Wunder bis in unsere Tage überlebt hat. Meine Aufgabe wird dadurch also nur noch ernster.

Das ist ein wunderbarer und sehr überraschender Vorschlag, der einen wirklich zum Nachdenken anregt! Man möchte fest daran glauben, dass sich unter der neuen Generation der Russlanddeutschen gewiss Menschen finden, die diesen kreativen Impuls in sich spüren und die Tradition des Volkshumors fortführen.

Da wir gerade von neuen Namen sprechen: Gibt es heute zeitgenössische Autoren, deren Schwänke in Forscherkreisen in aller Munde sind? Kennen Sie jemanden von ihnen persönlich oder haben Sie vielleicht schon deren Auftritte miterlebt? Und transportiert eine moderne Audio- oder Videoperformance tatsächlich genau jene Energie, die ursprünglich in dieses Genre gelegt wurde?

Da haben Sie vollkommen recht: Erst der lebendige Klang der Dialoge transportiert jene ganz besondere Stimmung, die im Schwank verwurzelt ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass Audio- und Videoaufnahmen den heutigen Russlanddeutschen eine einzigartige Gelegenheit bieten, in den authentischen Sprachklang einzutauchen. Schließlich ist längst nicht jeder Leser in der Lage, den Dialekt beim selbstständigen Lesen intonatorisch korrekt wiederzugeben.

Für unsere heutige Realität ist das Multimedia-Format von kolossaler Bedeutung – weitaus mehr als je zuvor.

Was die Namen angeht, so muss ich unbedingt einen sehr tiefgründigen Autor mit einem enormen kreativen Lebenswerk nennen – Adolf Walter. Sein Schaffen ist der stärkste Beweis dafür, dass der Schwank als literarisches Genre lebendig und unglaublich aktuell ist, da diese Texte unser aller Leben widerspiegeln. Bemerkenswert ist, dass seine Werke im oberhessischen Dialekt verfasst sind – was heute eine große Seltenheit darstellt. Ich empfehle wärmstens, sein Schaffen kennenzulernen und zu versuchen, seine Erzählungen zu lesen, um zu spüren, wie ein klassisches Genre in der modernen Welt klingt.

Blick in die Zukunft

Julia, für diejenigen unserer Leser, die nach diesem Interview tiefer in das Thema eintauchen möchten: Welche Literatur, Sammelbände oder vielleicht auch Videoressourcen würden Sie empfehlen? Wo kann man heute qualitativ hochwertige Schwänke der Russlanddeutschen im Original oder mit Übersetzung finden und lesen?

Sehr gerne teile ich meine Empfehlungen! Wie ich bereits erwähnt habe, ist der beste Start, um das Genre als Ganzes kennenzulernen, der von uns besprochene Sammelband „Schwänke der Russlanddeutschen. Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?“, lektoriert von Nadja Barg. Dieses Buch vermittelt ein wunderbares Bild nicht nur von der lebendigen Sprache der Russlanddeutschen, sondern auch von ihrer Lebensweise, ihren spirituellen Werten, dem Nationalcharakter und all seinen Wendepunkten – mal humorvoll, mal traurig.

Wenn sich jemand speziell für den wolgadeutschen Dialekt interessiert, empfehle ich von ganzem Herzen das E-Book „Schwänke der Wolgadeutschen“ von Alexander Wegner. Es ist frei zugänglich und kann online auf dem Portal LitRes gelesen werden.

Für all diejenigen, die hören möchten, wie der Dialekt lebt und atmet, gibt es in der Mediathek des Portals RusDeutsch ein fantastisches Archiv mit Audioaufnahmen. Ein besonderes Augenmerk verdient das Projekt „Schwänke der Russlanddeutschen“, vorgetragen von Artur Iordan – sein lebendiges Vorlesen kann man direkt hier anhören.

Und falls Sie die Geschichte der Schwänke aus der Sowjetzeit in Kasachstan erforschen möchten, sollten Sie unbedingt nach der einzigartigen Ausgabe „Nicht aufs Maul gefallen“ suchen, die 1968 in Alma-Ata unter der Redaktion von David Busch herausgegeben wurde.

Jedes dieser Bücher ist ein Schlüssel zur Bewahrung unseres einzigartigen kulturellen Codes.

Der bekannte Schwank-Autor Artur Iordan (1940–2019) während seines Auftritts bei einer Veranstaltung im Gebiet Omsk

Der bekannte Schwank-Autor Artur Iordan (1940–2019) während seines Auftritts bei einer Veranstaltung im Gebiet Omsk

Vielen Dank für diese wertvollen Empfehlungen! Zum Abschluss unseres Gesprächs kann ich nicht umhin zu fragen: Planen Sie, diese interaktiven linguistischen Treffen in Kaliningrad fortzuführen? Glauben Sie, dass die Analyse von Schwänken durch Wortbildung zu einer effektiven, dauerhaften und spannenden Methode für den Deutschunterricht im Kultur- und Geschäftszentrum werden kann?

Ich glaube, ich stehe in der Pflicht. Aber was noch viel wichtiger ist: Ich will es von ganzem Herzen! Es kommt mir so vor, als hätte ich erst im vergangenen Herbst damit begonnen, in die Welt der Dialekte einzutauchen, und dieser Frühling hat mir bereits eine fantastische Entdeckung geschenkt – die Schwänke.

Ich würde mir sehr wünschen, dass alles genau so kommt, wie Sie sagen, und wir die Erforschung der Dialekte zu einem festen Bestandteil der Arbeit unseres Klubs machen können. Jedenfalls setze ich mir genau diese Ziele.

Julia, ich danke Ihnen von ganzem Herzen für dieses tiefgründige, inspirierende und wahrhaft lebendige Gespräch! Ihr Optimismus, Ihre Hingabe an die Wissenschaft und Ihre Fähigkeit, der Sprache Ihrer Vorfahren eine „Mund-zu-Mund-Beatmung“ zu schenken, rufen aufrichtige Bewunderung hervor. Wir sind uns absolut sicher, dass dank Ihrer Energie diese harte linguistische Nuss von den Klubmitgliedern definitiv geknackt wird und die Magie des russlanddeutschen Volkshumors noch viele Herzen in Kaliningrad erwärmen wird. Wir wünschen Ihnen ertragreiche Erkenntnisse bei Ihren Forschungen sowie begeisterte, leidenschaftliche Zuhörer. Alles Gute und viel Erfolg!

Buchdoppelseite mit Artur Iordans Schwank „Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?“, der dem gesamten Sammelband seinen Namen gab

Buchdoppelseite mit Artur Iordans Schwank „Wjar schwetzt denn to noch Taitsch?“, der dem gesamten Sammelband seinen Namen gab