Die Tanzbewegung der Russlanddeutschen lebt von Menschen, deren Energie alle Klischees beiseitewischt. In der Stadt Glasow (Republik Udmurtien) gibt es so eine Persönlichkeit: Olga Popowa (Klein). Ihre Liebe zur deutschen Sprache und Kultur flammte schon in der Schulzeit auf. Heute hält sie das tänzerische Erbe der Russlanddeutschen lebendig und beweist: Erfolg auf der Bühne und die Leitung eigener Gruppen haben nichts mit dem Geburtsdatum zu tun. Popowa fand erst im fortgeschrittenen Alter zum Tanz – und leitet heute erfolgreich bereits drei Ensembles parallel.

Ein echtes Herzstück dieser kreativen Arbeit ist das 2018 gegründete Tanzensemble „Lustiger Tanz“. Für Olga Popowa ist diese Gruppe weit mehr als nur ein Herzensprojekt, das aus ihrer tiefen Verbundenheit zu den deutschen Traditionen entstand. Es ist für sie auch ein Weg, den Menschen vor Ort diese ganz besondere Welt zu eröffnen. Bevor sie das Rampenlicht für sich entdeckte und zu einer treibenden Kraft im lokalen Zentrum der deutschen Kultur wurde, stand sie dreißig Jahre lang in einer Fabrik unter gesundheitlich schweren Bedingungen am Arbeitsplatz. Der Ruhestand war für sie jedoch kein Grund, einen Gang herunterzuschalten. Im Gegenteil: Er öffnete ihr die Tür zu echter Kunst und brachte ihr Talent als Choreografin zum Vorschein.

Ein lebenslanger Traum und der Sprung ins kalte Wasser

Die Zweitbesetzung des Ensembles „Lustiger Tanz“ bei den Jubiläumsfeierlichkeiten des Hauses der Völkerfreundschaft in Glasow

Die Zweitbesetzung des Ensembles „Lustiger Tanz“ bei den Jubiläumsfeierlichkeiten des Hauses der Völkerfreundschaft in Glasow

Für Olga Popowa war die deutsche Kultur kein flüchtiges Hobby, sondern eine tiefe, über Jahre gereifte Faszination. Doch der Weg auf die große Bühne blieb lange Zeit nur ein stiller Wunsch. Selbst während der harten Jahre in der Fabrik bewies sie Organisationstalent, wirbelte die Belegschaft auf und stellte firmeninterne Tanzabende auf die Beine. Als sie dann mit 50 Jahren in den vorzeitigen Ruhestand ging, erfand sie sich einfach neu. Der Traum wurde Realität: Sie stürzte sich kopfüber in das professionelle Training und begann, eigene Stücke zu inszenieren.

„Lustiger Tanz“: Ein Vertrauensvorschuss und die Rückkehr zu den Wurzeln

Die Mitglieder des Ensembles „Lustiger Tanz“ mit Natalia Matschuga bei den Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen der Deutschen national-kulturellen Autonomie des Gebiets Tjumen

Die Mitglieder des Ensembles „Lustiger Tanz“ mit Natalia Matschuga bei den Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen der Deutschen national-kulturellen Autonomie des Gebiets Tjumen

Den Weg zum deutschen Tanz fand Olga Popowa über die Deutsche national-kulturelle Autonomie in Glasow. Zunächst besuchte sie dort Sprachkurse, doch schon bald öffnete sich eine neue Tür: Man schlug ihr vor, an einem Tanzprojekt unter der Leitung von Lidia Knoll teilzunehmen – der künstlerischen Leiterin und Choreografin des bekannten ethnografischen Ensembles „Volkskarussell“. Diese Begegnung veränderte alles.

„Seit diesem Moment lassen mich die deutschen Tänze nicht mehr los. Sie sind zu einem Teil von mir geworden“, gesteht Olga Popowa.

Dass es die Gruppe „Lustiger Tanz“ überhaupt gibt, ist dem richtigen Riecher von Tatiana Schamber (der damaligen Vorsitzenden der Deutschen national-kulturellen Autonomie in Glasow) und Natalia Matschuga (der Regionalmanagerin des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur für die Ural-Region) zu verdanken. Sie glaubten an Olga – und wurden nicht enttäuscht. Inzwischen steht Olga seit acht Jahren am Ruder und führt das Ensemble von einem Erfolg zum nächsten.

Die erste Besetzung des Ensembles bestand ausschließlich aus ethnischen Deutschen – den Kindern den ehemaligen Zwangsarbeitern der sowjetischen Arbeitsarmee.

„Anfangs war es gar nicht so leicht, sie auf die Bühne zu locken“, gesteht Olga Popowa. „Obwohl sie durch die historischen Umstände ohne ihre Muttersprache aufgewachsen sind, hat die Choreografie ihnen geholfen, ihre nationalen Wurzeln tiefer zu spüren und sich ihrer Identität bewusst zu werden.“

Heute ist die Ur-Besetzung um die 77, 78 Jahre alt und genießt den wohlverdienten Ruhestand. Platz gemacht haben sie für die zweite Generation von Tänzern. Aktuell zählt das Ensemble zwölf Aktive: zehn Russlanddeutsche und zwei russische Frauen, die ihr Herz komplett an die deutsche Kultur verloren haben. Alters- und gesundheitsbedingt ist mittlerweile nur noch ein einziger Mann an Bord, doch die Damenriege hält das tänzerische Niveau des Ensembles gewohnt hoch. Alle sind mit Feuereifer dabei und verpassen keine einzige Probe.

Die Proben selbst sind weit mehr als nur das reine Einstudieren von Schritten; sie gleichen einem Eintauchen in eine lebendige Sprachwelt. Rund dreißig Prozent der Zeit beim „Lustigen Tanz“ wird auf Deutsch kommuniziert. Choreografische Kommandos wie „alle zusammen“ oder „im Kreis“ sind für die Gruppe längst Fleisch und Blut geworden. Gleichzeitig herrscht ein spürbar familiäres Klima: Jedes Treffen beginnt und endet traditionell mit einer herzlichen Umarmung, bevor die Tänzerinnen wie im Chor ihr Lebensmotto anstimmen: „Leben, lieben, lachen, tanzen“.

Das Ensemble ist ein gern gesehener Gast auf Festivals in Städten wie Ischewsk, Sawjalowo oder Jekaterinburg. Im aktuellen Jahr der Einheit der Völker Russlands trudeln die Einladungen zu Auftritten quasi im Monatsrhythmus ein. Erst kürzlich feierte „Lustiger Tanz“ einen glanzvollen Erfolg beim jährlichen Gala-Konzert „Konstellation der Veteranentalente“.

Das Repertoire der Gruppe basiert komplett auf echtem ethnografischem Material – Olga Popowa hat bereits 28 authentische deutsche Tänze zusammengetragen. Sorge und Herzenswunsch zugleich sind für das Ensemble derzeit jedoch die Bühnenkostüme. Die Kleider aus dem Gründungsjahr haben durch die vielen Auftritte stark gelitten. Die Gruppe hofft nun auf Unterstützung, um hochwertige Stoffe zu finanzieren und neue, historisch getreue Trachten schneidern zu lassen.

Vom jugendlichen Drive bis zur ethnografischen „Oyra“

Das Jugendforum in Ischewsk

Das Jugendforum in Ischewsk

Olga Popowa zeigt sich offen für jegliche kreative Experimente und hat bereits sehr erfolgreich mit einem jungen Publikum gearbeitet. Unter ihrer Leitung tanzten Studierende der Staatlichen ingenieur-pädagogischen W.-G.-Korolenko-Universität in Glasow.

„Sie haben großartig getanzt! Wir sind zusammen zu einem Jugendforum nach Ischewsk gefahren. Dort haben wir einen deutschen Tanz zu dem modernen Song ‚Rock mi‘ performt – das Publikum hat vor Begeisterung geschrien!“

Nach dem Studienabschluss haben sich die Studierenden leider in alle Winde zerstreut. Doch diese Erfahrung hat gezeigt: Der deutsche Tanz kann unglaublich aktuell sein und mitreißen. Heute experimentiert Olga Popowa munter weiter – sie hat eine farbenfrohe Choreografie auf der Grundlage der deutschen Folklore und des traditionellen Volkstanzes ‚Ojra‘ kreiert, die beim Publikum auf riesige Resonanz stößt.

Anerkennung auf föderaler Ebene: Die BiZ-„Inspektion“

Olga Popowa mit dem Direktor des Instituts für ethnokulturelle Bildung – BiZ Dr. Andrej Lehman bei einem Seminar in Moskau, 2025

Olga Popowa mit dem Direktor des Instituts für ethnokulturelle Bildung – BiZ Dr. Andrej Lehman bei einem Seminar in Moskau, 2025

Die hohe Professionalität von Olga Popowa wurde von Experten auf föderaler Ebene bestätigt. Während einer Arbeitsreise nach Glasow besuchte Andrej Lehman, der Direktor des Instituts für ethnokulturelle Bildung – BiZ, gemeinsam mit Kollegen eine Probe des Ensembles. Die Überprüfung entwickelte sich spontan zu einer kreativen Mitmach-Aktion: Olga Popowa zog die Gäste aus Moskau mitten in der Probe kurzerhand in den Tanzkreis. Obwohl die BiZ-Vertreter anfangs beteuerten, nicht tanzen zu können, wirkte die choreografische Magie aus Glasow – am Ende machten alle mit.

„Danach wurde ich Ende vergangenen Jahres nach Moskau zur Weiterbildung ‚Aktuelle Fragen des Tanzunterrichts der Russlanddeutschen‘ eingeladen. Ich hatte das große Glück, Natalia Wesner, Elena Arndt und Lidia Knoll zu treffen. Der Austausch mit solchen Persönlichkeiten und die Möglichkeit, von ihrer Erfahrung zu profitieren, sind einfach unbezahlbar“, so Olga Popowa.

Von links nach rechts: Olga Popowa, Natalia Wesner, Lidia Knoll und Nina Tjudelekowa bei einem Seminar in Moskau, 2025

Von links nach rechts: Olga Popowa, Natalia Wesner, Lidia Knoll und Nina Tjudelekowa bei einem Seminar in Moskau, 2025

Die Leiterin des Ensembles „Lustiger Tanz“ feilt unaufhörlich an ihrem Können. Ein echter Meilenstein waren für sie die Choreografie-Seminare in Tobolsk im Jahr 2024, von denen sie ein reichhaltiges Repertoire an neuen deutschen Tänzen mitbrachte. Und bereits 2025 war ihr Renommee so weit gewachsen, dass die Organisatoren des Seminars in Moskau sie baten, selbst einen Workshop für ihre Kollegen zu leiten.

Als den größten Wert solcher Begegnungen bezeichnet die Choreografin die einzigartige Atmosphäre des Zusammenhalts:

„Wir reisen zu den Seminaren als völlig fremde Menschen an, aber die Tage der Zusammenarbeit und das gemeinsame Schaffen schweißen uns so sehr zusammen, dass wir uns beim Abschied wie eine Familie fühlen. Wir schreiben uns, besuchen uns gegenseitig und teilen unsere Erfahrungen.“

Tanzdiplomatie und Tanzen im Sitzen

Tanztherapie im Sitzen für Senioren

Tanztherapie im Sitzen für Senioren

Olga Popowa gehört zu den profiliertesten und aktivsten Akteurinnen des Zentrums der deutschen Kultur in Glasow. Die Mitglieder des am Zentrum bestehenden Ensembles „Lustiger Tanz“ pflegen gemeinsam mit anderen Gemeinschaftsmitglieder die nationalen Traditionen und feiern die wichtigsten deutschen Feste. Mehr noch: Jeden Winter reisen sie in ein Erholungsheim, wo sie die Bräuche der Weihnachtszeit wiederaufleben lassen, singen und interaktive Tanz-Mitmach-Aktionen für alle Interessierten anbieten. Zu einem der berührendsten Projekte von der Choreografin wurde die Arbeit mit den Senioren (viele von ihnen sind über 80, die älteste Teilnehmerin ist sogar 90 Jahre alt). Speziell für sie hat sie die Methodik „Tanzen im Sitzen“ entwickelt.

„Der Kern dieser Tanztherapie liegt darin, dass die älteren Menschen, denen das Stehen schwerfällt, sich in einen Kreis setzen und zur deutschen Musik – einschließlich der traditionellen Polka und dem ‚Schneewalzer‘ – Bewegungen mit Armen, Beinen und Kopf ausführen sowie den Oberkörper wiegen. Das aktiviert die Koordination, trainiert die Gelenke und bringt vor allem die Lebensfreude zurück.“

Olga Popowa träumt davon, dieses Projekt fest und dauerhaft zu etablieren, auch wenn es bislang noch keine Fördergelder erhalten hat.

Drei Facetten einer Leiterin: Von der „Rossijanotschka“ bis zum „Sputnik“

Der Veteranenclub „Rossijanotschka“ beim Vorentscheid der Gesamtrussischen Tanzolympiade in Perm

Der Veteranenclub „Rossijanotschka“ beim Vorentscheid der Gesamtrussischen Tanzolympiade in Perm

Das facettenreiche Talent von Olga Popowa entfaltet sich vollends in ihrer Fähigkeit, die Leitung völlig unterschiedlicher choreografischer Projekte miteinander zu vereinbaren. Der Erfolg eines Ensembles hängt maßgeblich von den Rahmenbedingungen ab, die für seine Arbeit geschaffen werden. Olga Donatowna hebt mit tiefer Wärme und Dankbarkeit den Beitrag der Leitung des Kulturzentrums „Rossija“ in Person der Direktorin Olga Protz hervor. Dank ihrer umfassenden Unterstützung wurden den Kunstschaffenden zwei hervorragende Spiegelsäle für die Proben kostenlos zur Verfügung gestellt. Das Training findet überwiegend tagsüber statt, da die meisten Mitwirkenden im Ruhestand sind. Die Tänzerinnen und Tänzer von „Lustiger Tanz“ würden sich liebend gern auch öfter als zweimal pro Woche treffen, doch der dichte Zeitplan ihrer Leiterin ist durch die aktive Arbeit mit zwei weiteren Tanzclubs bereits restlos ausgebucht.

Einen ganz besonderen Platz im Herzen von Olga Popowa nimmt der Veteranenclub „Rossijanotschka“ ein, der im Kulturzentrum „Rossija“ beheimatet ist. Dieses Ensemble verbindet eine wunderbare, fast ein halbes Jahrhundert währende Geschichte der Freundschaft: Seine Mitglieder gingen schon in der Grundschule gemeinsam zum Tanzen, und nach 45 Jahren trafen sie sich auf dem Parkett wieder – mittlerweile als Großmütter. Heute sind die Tänzerinnen um die 70 Jahre alt. Sie bewahren und präsentieren auf der Bühne voller Stolz die alte Schule des russischen Volkstanzes. Obwohl die Frauen für alle Konzertreisen Geld von ihren bescheidenen Renten zurücklegen, tourt das Ensemble aktiv und räumt regelmäßig Höchstauszeichnungen ab. Beim Vorentscheid der Gesamtrussischen Tanzolympiade in Perm feierten sie einen grandiosen Triumph: Für die Nummern „Garmoschetschka-goworuschetschka“ und „Korobuschka“ erhielt das Kollektiv die Laureaten-Diplome ersten und zweiten Grades, und Olga Popowa selbst wurde als Laureatin ersten Grades für die beste Choreografie ausgezeichnet.

„Die Jurymitglieder waren absolut begeistert von unserer Darbietung, den Kostümen und dem Alter der Teilnehmenden“, betont die Leiterin des Ensembles voller Stolz.

Die größte Anerkennung bestand darin, dass es „Rossijanotschka“ unter die Top 100 der besten Ensembles des Landes schaffte und eine offizielle Einladung zum Grand Final nach Sankt Petersburg erhielt.

„Nach Sankt Petersburg können wir leider nicht reisen“, gesteht Olga Popowa. „Die Reise nach Perm war sehr kostspielig, und wir haben keine Sponsoren – alle Ausgaben decken wir selbst von unseren kleinen Renten. Innerhalb von nur einem Monat das Geld für eine zweite so weite Reise für unsere Veteranen aufzubringen, ist einfach utopisch. Aber wir sind schon überglücklich darüber, dass wir unser Niveau bewiesen haben und unter die hundert Besten geschafft hatten.“

Parallel zur Arbeit mit den erfahrenen Tänzerinnen baut Olga Popowa ihr drittes Projekt aus – das vorbereitende Tanzensemble „Sputnik“. Im Gegensatz zur „Rossijanotschka“ kommen hierher Frauen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, die in ihrem Leben noch nie zuvor getanzt, aber schon immer davon geträumt haben. Der „Sputnik“ wurde für sie zu einer einzigartigen Gelegenheit, ihre Schüchternheit zu überwinden, Selbstvertrauen zu gewinnen und unter der einfühlsamen Anleitung von Olga Popowa die Grundlagen der Tanzkunst von der Pike auf zu erlernen.

Anstelle eines Nachworts

„Lustiger Tanz“ beim Wettbewerbsprogramm „Udmurtien-Pokal“

„Lustiger Tanz“ beim Wettbewerbsprogramm „Udmurtien-Pokal“

Olga Popowa und ihr Ensemble „Lustiger Tanz“ leisten eine unschätzbar wichtige Arbeit: Sie bewahren die lebendige Kultur und die Traditionen der Russlanddeutschen in der Republik Udmurtien. Ihr Vorbild beweist eindrucksvoll, dass für Talent, Hingabe und die aufrichtige Liebe zur Choreografie das Alter schlichtweg keine Rolle spielt.