In einer Welt, in der Kreativität oft als persönliche Angelegenheit betrachtet wird, gibt es Familien, die diesem Stereotyp völlig widersprechen. Eine dieser Familien sind Alexander und Elena Hermann aus Jarowoje. Ihre Geschichte ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie die Liebe zur Kunst zu einer Verbindung wird, Menschen vereint und sie zum Schaffen inspiriert.

Es dürfte schwer sein, in Jarowoje der Region Altai jemanden zu finden, der die Namen Alexander und Elena Hermann nicht kennt. Das Ehepaar engagiert sich aktiv im kulturellen Leben der Stadt und der Region und leistet einen wichtigen Beitrag zu deren Entwicklung.

Als wir die beiden anriefen, war der Familienoberhaupt nicht zu Hause. „Er ist gerade im Kulturhaus, tritt beim Konzert zum Tag des Vaterlandsverteidigers auf“, erklärte Elena. Wir sprachen mit ihr über Kreativität, Familienwerte und ihr gemeinsames Leben.

Bunte Palette an Klängen und Noten

Alexander Hermann beim Jubiläumskonzert zu seinem 75. Geburtstag und 60 Jahren künstlerischer Tätigkeit, 2023

Alexander Hermann beim Jubiläumskonzert zu seinem 75. Geburtstag und 60 Jahren künstlerischer Tätigkeit, 2023

Alexander Hermann ist ein Musiker und Pädagoge mit einer reichen Geschichte. Er begann seine kreative Laufbahn in seiner Jugend und setzt sie auch mit 77 Jahren fort.

„Mein Mann ist Musiker durch und durch. Er arrangiert meisterhaft sowohl Lieder als auch Musikstücke. Hauptsächlich spielt es Knopfakkordeon, ist aber auch ein versierter Musiker auf der Schaleika (eine Hornpfeife, die ursprünglich von Hirten gespielt wurde und heute in der russischen Volksmusik verwendet wird, Anm. d. Übrs.), der Balalaika und dem Saratow-Akkordeon. Er übt regelmäßig, um sein Können nicht zu verlieren“, erzählt Elena.

Ohne seine Teilnahme ist es schwierig, sich ein einziges Konzert in Jarowoje vorzustellen – schließlich wird fast jedes Kulturprogramm in der Stadt von einem Auftritt der Retrogruppe „Erfolg“ (russ. „Uspech“) begleitet, die Alexander seit über 40 Jahren leitet. Im Laufe der Jahre hat die Musikgruppe an Popularität gewonnen und sich den Ruf einer Volksgruppe erworben. Die Einzigartigkeit ihres Klangs liegt in den speziell für jeden Musiker komponierten Partituren. Die Gruppe hat wiederholt regionale, nationale und internationale Wettbewerbe gewonnen, und 2004 erhielt Alexander den Preis „Für Verdienste um die Kultur“ des Kulturministeriums der Russischen Föderation. Alexander Hermann wurde zudem mit zahlreichen weiteren Auszeichnungen geehrt: Ehrenurkunden, Dankesschreiben und Diplome. Seit fast zwanzig Jahren bewahrt er sorgsam eine Gedenktafel auf, die den Teilnehmern des Galakonzerts des Festivals „Nacht der Nachrichten“ in Pawlowsk verliehen wurde.

Retrogruppe „Erfolg“

Retrogruppe „Erfolg“

Er steht seit seiner frühen Kindheit auf der Bühne. Mit nur 15 Jahren dirigierte er bereits Amateuraufführungen an seiner Schule und verdiente damit sein erstes Geld. Seine Leidenschaft für Musik wurde von seinem Vater Alvis Hermann gefördert, der das Akkordeon sehr gut spielte. Im Laufe der Zeit wurde diese Kindheitsleidenschaft zu seinem Lebenswerk und einer wahrhaft erfüllenden Berufung. Seine theoretische Ausbildung absolvierte er am Kulturinstitut.

„Alexander spielt nicht nur meisterhaft, sondern versteht es auch, Musikinstrumente zu stimmen – Geigen, Domras, Balalaikas und Akkordeons. Die Leute wenden sich oft an ihn, wenn etwas kaputtgeht“, sagt Elena stolz.

Alexander Hermann stimmt einen Schiller-Klavier von 1911 / Foto: Wladimir Bekk, mit freundlicher Genehmigung von Jakob Grinemaer, aus dem Archiv der Galerie „Rad der Geschichte“

Alexander Hermann stimmt einen Schiller-Klavier von 1911 / Foto: Wladimir Bekk, mit freundlicher Genehmigung von Jakob Grinemaer, aus dem Archiv der Galerie „Rad der Geschichte“

Er erbte auch das Talent seines Vaters für die Reparatur von Musikinstrumenten. Dank dieser Begabung vollbrachte Alexander wahre Wunder an einem seltenen antiken Schiller-Klavier aus dem Jahr 1911. Es schmückt nun die Galerie „Rad der Geschichte“ in Slawgorod und erntet begeisterte Blicke von den Besuchern. Davon inspiriert, verfasste der Galeriebesitzer Jakob Grinemaer einen kurzen Essay (hier gekürzt, Anm. d. Red.):

„In einem großen fünfstöckigen Gebäude in Slawgorod stand ein altes Klavier aus dem fernen Berlin. Es verbrachte seine Tage in Stille und erwartete sein Schicksal. Doch eines Tages kam jemand und trug es in den Hof. Seine verbliebenen Saiten seufzten, berührten das Treppengeländer und verabschiedeten sich. Doch dann geschah ein Wunder. In der Galerie, wo es unerwartet seinen Platz gefunden hatte, begegnete es einem alten Meister. Vorsichtig berührte er seine Saiten, spannte sie, lauschte ihrem Klang und ersetzte die gebrochenen durch neue. Viele Tage verbrachten sie zusammen, und als sie sich trennten, klang das Klavier wieder voll und warm. Und nun, jedes Mal, wenn dieses antike Klavier erklingt, erinnert es sich an die Hände des alten Meisters, dessen Name Alexander Hermann war“.

Saratow-Akkordeon – ein Erbstück der Familie Hermann

Saratow-Akkordeon – ein Erbstück der Familie Hermann

Die Familie Hermann besitzt noch ein weiteres einzigartiges Instrument – ein Saratow-Akkordeon, handgefertigt von dem Vater von Alexander.

„Es ist unser Familienerbstück. Mein Mann spielt es manchmal, und es klingt fantastisch!“

Poesie aus Farben und Worten

Strohapplikationen

Strohapplikationen

Elena ist ausgebildete Ballettmeisterin und arbeitete über 25 Jahre lang beim Volksensemble „Jarowtschanka“. Nach ihrer Pensionierung begann sie, Sportkurse für Senioren zu geben und sich verstärkt ihren kreativen Hobbys zu widmen – der Anfertigung von Bildern aus Naturmaterialien sowie dem Schreiben von Gedichten.

„An der Seniorenuniversität habe ich die Strohapplikationen gelernt und diese gerne hergestellt. Dann habe ich Getreidesamen gekauft – Roggen, Weizen, Hafer – und säe sie jedes Jahr in meinem Garten aus. Im Sommer sammle ich die Materialien, und im Winter fertige ich daraus Kunstwerke“, erzählt Elena.

Ihre einzigartigen Gemälde bestechen durch ihre Wärme und das Sonnenlicht, das durch mit präzisen angeordneten goldenen Bändern erzeugt wird. In ihren Arbeiten wählt sie die Farbtöne anhand des Erntezeitpunkts der Körner aus und dämpft oder kocht diese, bis sie unterschiedliche Farben annehmen. Nach und nach formt sie aus den durch das Zerschneiden der Röhren gewonnenen Streifen lebendige Kompositionen, die wahre Bewunderung hervorrufen.

„Natürlich gibt es mit der Bearbeitung der Strohhalmen viel Arbeit und Mühe“, gibt Elena zu. „Aber ich habe unheimlich viel Freude am Ergebnis und am Prozess selbst. Es ist eine uralte Kunst, die über die Jahrhunderte nichts von ihrer Schönheit und Bedeutung verloren hat.“

Die Kunsthandwerkerin mit ihren originellen Stroh- und Lederarbeiten auf regionalen Ausstellungen

Die Kunsthandwerkerin mit ihren originellen Stroh- und Lederarbeiten auf regionalen Ausstellungen

Elenas Werke werden regelmäßig auf lokalen und regionalen Ausstellungen gezeigt und sind derzeit in der Ausstellung „Meister der Altai-Steppe“ in Nowosibirsk zu sehen. Sie gibt ihr Können auch an andere weiter und leitet Workshops im Museum von Jarowoje und im Erholungspark in Slawgorod.

„Kinder und Erwachsene haben gleichermaßen Freude daran, Strohbilder zu gestalten – man sieht ihnen die Begeisterung an, wenn ein sonniges Bild entsteht.“

Elena fertigt außerdem Gemälde aus Leder an und verziert damit Flaschen. Sie schreibt auch gerne Gedichte. Sie selbst bezeichnet sich jedoch als „Dichterin aus Zufall“, ohne formale Ausbildung oder feste Regeln. Die Inspiration kommt einfach.

Lederapplikationen

Lederapplikationen

„Ich habe Gedichte schon immer geliebt – seit meiner Kindheit habe ich die Gedichte anderer gelernt und dann selbst angefangen zu schreiben. Mein erstes Gedichtheft habe ich verbrannt, als ich ins Studentenwohnheim während meines Studiums zog. Ich habe natürlich viel geweint, aber ich hatte Angst, sie jemandem zu zeigen. Später, nach dem Festival ‚Singender August‘, inspiriert von den Werken der Altai-Dichter, beschloss ich, meine eigenen Gedichte zu veröffentlichen“, erzählt Elena. 2009 erschienen ihre Gedichte erstmals in der Zeitung „Jarowskije Westi“, und seither sind zwei Gedichtbände erschienen. Es ist vor kurzem auch ihr drittes Buch, „Glücksformel“ erschienen und wurde kürzlich in der Stadtbibliothek von Jarowoje vorgestellt.

„Glücksformel“ für zwei

Strohapplikationen

Strohapplikationen

Das Ehepaar Hermann, die sich in Studienzeiten kennenlernte, geht seit fünf Jahrzehnten Hand in Hand durchs Leben. Elena ist ein gern gesehener Gast bei den Konzerten ihres Mannes, und Alexander unterstützt ihr bei Ausstellungen mit ihren Gemälden. Beide stehen einander bei und freuen sich über die Erfolge des anderen. Gemeinsam hat das Paar zwei wunderbare Kinder großgezogen: eines ist Doktorand der Biologie und Botaniker, das andere ist Lehrerin mit Schwerpunkt Kochen und Konditorei.

„Die Kinder unterstützen und helfen uns immer“, sagt Elena. Es ist auch kein Wunder, denn sie wuchsen in einer Atmosphäre voller Kreativität und Liebe auf.

Die wichtigsten Werte der Familie sind Geduld, Vergebung, Liebe, Glaube, Reue und Hoffnung. Elena ist überzeugt, dass dies die Leitsterne des Lebens sind. Sie entwickelte ihre eigene „Glücksformel“, die sie in einem Gedichtband darlegte.

„Lass dich nicht entmutigen, egal was passiert. Verliere nicht die Hoffnung. Liebe mit aufrichtiger christlicher Liebe. Wünsche niemals Böses. Diese Lebensprinzipien waren schon immer Teil unserer Familie, aber ich habe sie irgendwie unbewusst gelebt und erst im Laufe der Jahre erkannt, dass sie die Quintessenz menschlicher Weisheit sind.“

Der Buchumschlag zeigt eine Herbstlandschaft mit fallenden Blättern – ein Symbol für den Niedergang der Natur, ein Abschied vom Vergehen der Zeit.

Elena Hermann und ihre „Glücksformel“

Elena Hermann und ihre „Glücksformel“

Laut Jakob Grinemaer, einem langjährigen Freund der Familie Hermann, ist „Glücksformel“ „nicht nur eine Gedichtsammlung, sondern ein Schicksalsbuch“. Es enthält Elenas Biografie, Gedichte und ihre Stroh- und Lederbilder.

Sammlungen von Elena Hermanns Gedichten befinden sich in den Beständen von Bezirks- und Regionalbibliotheken.

„Sagen Sie mir Ihre Adresse, und ich schicke Ihnen ein Exemplar per Post“, sagt sie.

Das bedeutet, dass die „Glücksformel“ bald im Lesesaal des Deutsch-Russischen Hauses in Moskau erhältlich sein wird. Kommen Sie vorbei, um dieses Buch zu lesen!


Die Geschichte von Alexander und Elena Hermann ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Familienleben und Kreativität Hand in Hand gehen. In ihrem Zuhause herrscht Harmonie, wo jeder seine Gefühle und Ideen durch Musik, Poesie und Kunsthandwerk ausdrückt. Sie verbindet die Liebe zu ihrem Lebenswerk, der Wunsch, Kunst zu teilen und anderen Freude zu bereiten. Und wie Elena sagt:

„Leben heißt lieben, erschaffen und dies mit anderen teilen. Dann wird das Leben wahrhaft glücklich.“