Informationstechnologie und Tanz tauchen selten in derselben Biografie auf – doch gerade an der Grenze zwischen diesen Welten entsteht eine besondere Tiefe. Wir sprachen mit dem Tänzer, professionellen Choreografen, Ballettmeister und Top-IT-Manager Artem Lebsak über Disziplin, Freiheit, die Wahl des eigenen Weges und eine Sprache, die ohne Worte verständlich ist.

Artems Stimme ist ruhig und bedächtig: Er weiß, wann er innehalten, seine Gedanken präzise formulieren und sich Zeit nehmen muss. Selbst in Sprachnachrichten wird dies besonders deutlich. Es scheint, als ob zwei Rhythmen in ihm koexistieren: die strukturierte Gelassenheit eines Technikers und die sanfte, fließende Eleganz eines professionellen Tänzers. Es ist wohl eben diese Kombination, die seinen Weg bestimmt.

Der Tanz, wie Luft zum Atmen

Seine Liebe zum Tanz entstand nicht plötzlich – sie war ein Teil seiner Umgebung. Artems Eltern, Irina und Alexander Lebsak, unterrichteten Balltänze, daher verbrachte er seine Kindheit in Tanzsälen, auf Festivals, bei Wettbewerben und in Tanzcamps.

„Meine Eltern hatten einfach niemanden, bei dem sie mich lassen konnten“, lächelt Artem. „Also nahmen sie mich mit. Während des Unterrichts lief ich von Raum zu Raum, beobachtete und saugte alles auf. Und als ich ungefähr fünf Jahre alt war, begann ich selbst in einer Kindergruppe zu lernen.“

Ganz am Anfang seiner Karriere trainierte er in der Tanzgruppe seiner Eltern: erste Auftritte, erste Turniere in Balltänze und das Gefühl, auf der Bühne zu stehen und ein Tanzpartner zu sein. Parallel dazu besuchte er die Schule für ästhetische Bildung, wo er den Volkstanz und das klassische Ballett lernte. Später folgten die Choreografieschule, Turniertanz und ein strenges Trainingsprogramm. Ab der siebten Klasse wechselte Artem zum Hausunterricht und trainierte vier bis fünf Stunden täglich, oft verbrachte er seine Wochenenden auf Wettkämpfen.

Der Wandel in der Tanzkultur

Als Artem anfing, hatten die Balltänze noch ihren sozialen Charakter: Die Menschen kamen in die Kulturhäuser nicht nur, um ihre Technik zu üben, sondern auch, um Kontakte zu knüpfen. Im Laufe der Zeit begann sich dieses Umfeld rasant zu verändern.

Nachdem er mit seinen Eltern von Saratow nach Moskau gezogen war und im Tanz- und Sportclub „Dynamo“ zusammen mit den sowjetischen und russischen Profimeistern Elena und Wladimir Kolobow mit dem Training begonnen hatte, befand sich Artem mitten in der Transformation der gesamten Branche.

„Zum ersten Mal kamen ausländische Tanzlehrer nach Moskau, und es fand ein reger Erfahrungsaustausch statt. Dank Elena Kolobowa, die parallel als Simultanübersetzerin tätig war, wurden eben in ‚Dynamo‘ viele Workshops abgehalten. So hatte auch ich damals das Glück, mit Weltklasse-Trainern zusammenzuarbeiten.“

Später gehörte er an der Geisteswissenschaftlichen Universität der Gewerkschaften in St. Petersburg zu den ersten Studenten, die nach dem damals neuen Standard für die Ausbildung von Gesellschaftstanzlehrern studierten. Die Abteilung für sozial-kulturelle Aktivitäten, an der er studierte, war die Einzige im Land, die vom Russischen Tanzsportverband akkreditiert war.

Sport anstatt Kreativität

In dem vierten Studienjahr beendete Artem seine Karriere als Wettkampftänzer und begann aktiv zu unterrichten. Gemeinsam mit seinen Eltern baute er den Tanz- und Sportclub „Gloria Dance“ an mehreren Standorten in Moskau auf. Neben Balltänzen bot der Club Kurse für Erwachsene, Salsa und lateinamerikanische Tänze an – die Tanzstile, die zu dieser Zeit in Russland gerade erst an Popularität gewann.

Eben zu dieser Zeit kam eine wichtige innere Erkenntnis.

„Ich hatte den Eindruck, dass es im Turniertanz immer weniger um Kreativität und immer mehr um den Wettlauf um Höchstleistungen und herausragende körperliche Ergebnisse geht. Kinder werden sehr früh an den Tanz herangeführt, mit Training überfordert, und der Erfolg wird zunehmend nicht mehr durch künstlerisches Können und kreative Interpretation, sondern durch die Anzahl der Elemente, Geschwindigkeit und Ausdauer bestimmt. Das technische Niveau verbessert sich zwar, aber der lebendige, kreative Aspekt des Tanzes geht verloren.“

Obwohl Artem sich vom Unterrichten von Balltänzen abwandte, verschwand der Tanz selbst nie ganz aus seinem Leben.

„Tanzen ist für mich die Möglichkeit, das innere Gleichgewicht zu bewahren. Viele Jahre lang habe ich meine Arbeit in der IT-Branche mit dem Unterrichten kombiniert. Nach einem Tag am Computer, umgeben von komplexen Prozessen, Daten und Abstraktionen, ging ich ins Tanzstudio – an einen Ort, wo es Körper, Musik und menschliche Begegnungen gab. Das war lebenswichtig.“

Der zweite Weg: Die Technologien als bewusste Wahl

Artems Interesse an Technologie begann bereits in seiner Kindheit – seinen ersten Computer bekam er mit fünf Jahren zu Hause, und es war vor allem sein Vater, der diese Leidenschaft in ihm weckte. Mit 17 Jahren entwickelte sich daraus ein bewusstes berufliches Interesse: Er erkannte, dass die Lehrerkarriere seiner Eltern saisonabhängig war und verstand, wie wichtig ein zweiter Beruf ist.

Sein Interesse galt zunächst Internetmarketing, Werbung und Webseiten. In der Zeit der Einwahlverbindungen erstellte er Webseiten zuerst für sich selbst, später auch für Kunden. Er brachte sich das nötige Wissen selbst bei: durch Bücher, Schulungs-CDs und praktische Erfahrung.

Im Laufe der Zeit entstanden Projekte in den Bereichen Informationssystementwicklung, Automatisierung, Integration und Bildungsinitiativen.

2004 stellte Artem ein Team zusammen und veröffentlichte die erste russischsprachige Version von Mambo CMS. 2005 gründete er Joom.ru, ein Unternehmen, das Joomla CMS lokalisierte und verschiedene Joomla-basierte Lösungen integrierte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Joom.ru zu einer Full-Service-Digitalagentur. Über die Jahre hat Artem alle wichtigen Phasen seiner beruflichen Entwicklung in der IT durchlaufen – von der eigenständigen Entwicklung bis hin zur Leitung von Teams und komplexen Projekten. Er verfügt über umfassende Expertise in der Erstellung von Informationssystemen, im Produkt- und Projektmanagement sowie in der digitalen Transformation.

„Wir waren eine Art digitale Spezialeinheit: Wenn die Aufgabe komplex war oder die Frist knapp, kamen die Kunden zu uns.“

Später setzte Artem seine Karriere in Regierungsbehörden fort und wechselte anschließend in die Privatwirtschaft. Dort war er als Direktor für digitale Transformation beim privaten Pensionsfonds „Safmar“ tätig, wo er umfassende Veränderungen in einer eher konservativen Branche verantwortete und Aufgaben im Zusammenhang mit der Neugestaltung von Prozessen und Technologien übernahm. Nach seiner Zeit im Fintech-Bereich verlagerte sich sein beruflicher Fokus auf die digitale Zukunft – Projekte an der Schnittstelle von Web3, Blockchain, GameFi und der Kryptoindustrie. Heute ist Artem Chief Operating Officer bei „Softmus“, einem Integrator, der sich mit Datenflussmanagement, der Implementierung künstlicher Intelligenz und Effizienzsteigerungen auf Basis von Analysen des digitalen Fußabdrucks in Unternehmensinformationssystemen befasst.

„Von Ende der 90er Jahre bis heute lebe ich in zwei parallelen Welten – der Technologie und dem Tanz. Und für mich ist das kein Konflikt, sondern vielmehr eine sehr organische Verbindung.“

Eine gemeinsame Logik: Von der Choreografie zum Systemdenken

Artem sieht keinen Widerspruch zwischen IT und Choreografie, sondern vielmehr eine tiefgreifende Ähnlichkeit.

„In der Technologie arbeitet man mit Systemen: Man muss die Zusammenhänge erkennen, die Struktur verstehen und aus einer Vielzahl von Elementen ein Ganzes zusammensetzen. Ein Choreograf macht dasselbe – er kombiniert Bewegung, Musik, Dramatik und visuelle Bilder. Choreografie ist eine synthetische Kunstform. Der Tanz hilft mir, die Verbindungen in der IT aufzuspüren, und die IT hilft mir, die Struktur im Tanz zu erkennen.“

Der Tanz als nonverbale Sprache

Heute konzentriert sich Artem vor allem auf die Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten im Gesellschaftstanz. Anders als im Turniertanz steht hier nicht die Platzierung auf dem Siegertreppchen im Vordergrund. Vielmehr geht es um Kommunikation, Interaktion, neue Erfahrungen und die Möglichkeit, das eigene kreative Potenzial durch Bewegung zu entfalten. In diesem Format hat er trotz seiner langjährigen Erfahrung im professionellen Tanz neue Facetten und Interessen entdeckt.

Eines dieser wirklich faszinierenden Gebiete für ihn war der West Coast Swing – ein moderner Improvisationstanz, der sich im Einklang mit der populären Musik stetig weiterentwickelt.

„Es ist ein lebhafter Dialog mit der Musik und dem Tanzpartner. Wichtig ist es, zu hören, zu fühlen und zu reagieren. Man wiederholt keine auswendig gelernten Choreografien – man erlebt jeden Tanz neu. Die Atmosphäre ist ein zusätzlicher Pluspunkt: kein Pathos, lockerer Stil, unkomplizierte Kommunikation.“

Heute beschränkt sich Artems Arbeit nicht nur auf das Unterrichten von Schülern, sondern umfasst auch die Weiterentwicklung der Tanzrichtung in Allgemeinen. Er baut ein System zur Lehrerausbildung auf und entwickelt eine Methodik, die dazu beiträgt, West Coast Swing in Städten zu etablieren, in denen er noch nicht verbreitet ist. Ein konkretes Ergebnis dieser Arbeit ist seine Zusammenarbeit mit den Tanzschulen gallaDance: Dort wird West Coast Swing nun nach Artems eigenem Programm unterrichtet, und die Tanzlehrer werden anhand seines patentierten Systems ausgebildet.

Eine weitere wichtige Tanzrichtung ist der Carolina Shag – ein Swingtanz, der eng mit dem West Coast Swing verwandt und in vielerlei Hinsicht einflussreich war, unter anderem durch die Übernahme komplexerer Schrittfolgen. Obwohl viele Prinzipien ähnlich sind, ist es eine ganz andere Welt: Die Musik beschränkt sich größtenteils auf Strandmusik, und bei Wettbewerben wird auswendig gelernte und sorgfältig einstudierte Choreografie statt Improvisation präsentiert. Artem nahm am ersten Carolina-Shag-Wettbewerb außerhalb der USA, in Moskau, teil und gewann. Er unterrichtete den Tanz mehrere Jahre lang in Russland.

„Ich arbeite besonders gern mit Erwachsenen. Oft verlieren sie das Gefühl für ihren Körper, aber wenn sie plötzlich entdecken, dass sie sich frei und anmutig bewegen können, verändert sie das. Es macht sie ganzheitlicher, energiegeladener und lebendiger.“

Die deutschen Wurzeln und kulturelles Gedächtnis

Artems Biografie enthält auch eine wichtige kulturelle Ebene: seine deutschen Wurzeln. Als Kind in Saratow wirkte er in der Tanzgruppe des Deutschen Kultur- und Bildungszentrums „Freundschaft“ mit, die seine Eltern mitgegründet hatten.

Die Tanzgruppe, die Kinder, Schüler und Erwachsene vereinte, hatte ein umfangreiches Programm und trat auf Bühnen in Saratow und anderen Städten der Wolgaregion auf.

Zu Hause wurde kein Deutsch gesprochen. Die Familiengeschichte ist nicht einfach: Artems Großvater Alexander Lebsak, seine Frau Taisia Persikowa und ihre engsten Verwandten wurden nach Sibirien verbannt. Artems Vater wurde schon in Sibirien geboren, wohin Taisia ihrem Mann gefolgt war. Dieses Thema blieb in der Familie lange Zeit ein Tabu, wie es auch bei vielen Russlanddeutschen der Fall war.

„Es ist nichts, worüber wir laut sprachen. Aber das Identitätsgefühl bleibt jedoch bestehen. Ich habe schon in der Schule angefangen, Deutsch zu lernen, und als ich an die Universität kam, sprach ich es schon recht fließend. Jetzt, ohne ständiges Üben, verblasst vieles, aber diese Verbindung bleibt – als Teil einer inneren Kultur, die nicht verschwindet.“

Familie als Unterstützung

Zur Familie Lebsak gehören Mitglieder verschiedenster kreativer Berufe: Choreografen, ein Regisseur, ein Architekt, ein Theaterkritiker … Heute lebt die Familie in verschiedenen Städten und Ländern, pflegt aber die Tradition, gemeinsam Zeit zu verbringen – an Feiertagen, Jubiläen und Weihnachten. Manchmal auch per Videoanruf.

„Wir versuchen, diese Verbindung nicht zu verlieren. Sie gibt einem ein Gefühl von Wurzeln, Stabilität und Heimat – egal, wo man ist.“


Die Geschichte von Artem Lebsak handelt nicht von der Entscheidung zwischen Tanz und Technologie. Sie handelt von Integrität. Von der Fähigkeit, das Wesentliche zu erkennen. Davon, wie Disziplin und Freiheit nebeneinander bestehen können. Und von einer Sprache, die keiner Übersetzung bedarf – der Sprache der Bewegung, in der jeder sich selbst finden kann.